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  • miriambahl

Wieso habe ich das nicht vorher angefangen?

Wow. Ich habe vor zweieinhalb Wochen eines Morgens die Idee gehabt, ein Projekt zu starten, in welches ich mein Herzblut einfließen lassen kann. Ich fing an und der Stein kam direkt ins Rollen: Der Kontakt zur Organisation "Medizinische Hilfe Bochum" war unkompliziert und alle Beteiligten waren extrem freundlich zu mir. Natürlich haben sie sich gefreut, dass jemand sich für dasselbe Ziel interessiert wie sie, und Spenden dafür sammeln möchte. Ich bekam schnell Kontakt zu einer beteiligten jungen Ärztin, die mich sogleich mitnahm zum "Aufsuchen". Das bedeutet konkret, dass wir zum Hauptbahnhof gingen, bewaffnet mit nicht viel außer einigen Rezepten, die wir ausstellen können und ein paar Medikamenten, aber vor allem mit einem gaaaaaanz offenen Ohr :-) Wir sprachen einfach Menschen dort an und fragten, ob sie Hilfe brauchen. ( ACHTUNG: Ich finde es tendenziell nicht so cool, einfach Leute auf der Straße zu fragen, ob sie etwas brauchen, weil ich das bei anderen PassantInnen ja auch nicht tun würde. Aber die Leute dort kennen das Team und wissen, dass sie medizinische Hilfe anbieten).


Auch sprach ich diese Woche mit Janita, einer sehr starken Frau, die 14 Jahre lang obdachlos und heroinabhängig war und mittlerweile seit 15 Jahren clean ist und in einer Wohnung lebt. Mir wurden mehrere Sachen bewusst:

  1. Ich habe mich erschrocken, dass ich doch so viele Vorurteile habe. Beim Gang zum Hintereingang des Bahnhofs musste ich richtig viel Mut zusammennehmen, weil ich starke Hemmungen hatte. Als ich die Menschen dort sitzen sah, konnte ich mir nicht vorstellen, einfach so auf sie zuzugehen. Doch siehe da- es sind Menschen wie du und ich! (Überraschung.... ich weiß!). In meinem Gespräch mit Janita, ehemals Obdachlose, lernte ich: Diese Hemmungen, die wir haben, kommen unter anderem vom Elternhaus. Die meinen das nicht böse, aber haben Angst um einen und wollen nicht, dass man sich in Gefahr begibt. Es ist ja auch wirklich so, dass Menschen mit Suchtdruck* teilweise nicht sie selbst sind und auch aggressiv werden können. Aber ich habe diese Woche wirklich das absolute Gegenteil erfahren: Lustige, aufgeschlossene, extrem dankbare und freundliche Menschen. "Obdachlose", oder Menschen, deren Zuhause zurzeit auf der Straße ist, sind ehrlich einfach eine große Gruppe MENSCHEN. Unterschiedlich. Jede/r Einzelne. Es gibt freundliche, lustige, unlustige, Choleriker....etc. So wie auf der Arbeit oder in der Schule oder überall.


2. Mir war vorher bewusst, dass man Menschen in misslicher Lage nicht die Schuld für ebenjene geben kann. Das Ausmaß war mir allerdings nicht bewusst, bis ich mit Janita gesprochen habe. Sie sagte diesen klugen Satz:

"Wenn jemand sagt, ich sei ja selber schuld gewesen, dann frag ich mich: wo fängt diese Schuld an? Dabei, dass meine Mutter heroinabhängig war, als sie mit mir schwanger war? Dabei, dass ich Adoptiveltern hatte, die mich schlecht behandelt haben? Dabei, dass Ämter und Anlaufstellen mir nicht geholfen haben? Ist das alles meine eigene Schuld?"

Ne! Ist es natürlich nicht. Genauso wenig ist es deine Schuld, wenn du krank wirst. Psychisch krank zum Beispiel. Das suchst du dir nicht aus. Wie komisch wäre das auch, wenn du dir das aussuchen würdest? Es ist auch nicht deine Schuld, wenn etwas so schlimmes passiert, dass du dir nicht mehr zu helfen weisst und dir niemand Coping-Mechanismen beigebracht hat.

Psychische Erkrankungen werden immer noch super krass stigmatisiert.


3. Nochmal zum Thema Vorurteile: Ich habe im Gespräch mit Leuten von der Straße oft gehört, dass ihnen niemand glaubt. Man geht erstmal davon aus, dass Leute ohne Wohnung und vor allem Drogen-User nicht die Wahrheit sagen. Selbst im professionellen Umfeld habe ich das schon oft gehört. "Ja Miriam, aber lass dir nichts erzählen, der Typ ist ein Junkie". Auch hier wieder: Mag ja sein. Mag auch sein, dass er vielleicht punktuell lügt. Aber prinzipiell niemandem mehr zu glauben und alle unter eine Haube zu stellen, fügt den Betroffenen wirklich einen enormen Schaden zu. Es ist wie ein Hamsterrad. Stell dir mal vor, dir würde erstmal niemand etwas glauben. Das wäre ziemlich anstrengend, oder?


4. Ein letzter Punkt für heute noch. Wir leben leider in einer Welt, in der dein Wert ziemlich stark nach deiner Leistung bemessen wird. Kennst du das auch- du hast einen Tag nur im Bett gelegen und warst "unproduktiv" und zack, fühlst du dich voll schlecht und denkst negativ über dich? Es wird intensiver, wenn du nicht arbeiten gehst. Plötzlich rutscht du ein paar ganze Stufen die soziale Leiter hinab. Du bist faul, ein Schmarotzer, und und und. Ein befreundeter Sozialarbeiter hat mir erzählt, dass er überrascht war, wie sehr sich sein Freundeskreis geändert hat, als er mal ein Sabatjahr gemacht hat.

Ich habe auch schon oft zu hören bekommen, dass ich mir zu viel Zeit fürs Studium lasse- ich lasse mir zu viel Zeit, um zu leben? Um Erfahrungen zu machen? Komische Welt. Und das sage ich, obwohl ich wirklich gerne arbeite. Aber ich finde es irgendwie ganz ganz unmenschlich, wenn man erstmal etwas dafür tun muss, um respektiert zu werden. Ich finde: erstmal lieber jeden respektieren.

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